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Folge 63 26 Min.

Selbstständige und der Tod – mit Harry Martin

  • Simon Kraft · Team
  • Harry Martin · Gast
Folge 63 Selbstständige und der Tod – mit Harry Martin
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00:00 25:30

Shownotes

Für diese Folge haben wir uns ein etwas ungewöhnliches Thema ausgesucht. Was passiert eigentlich, wenn Selbstständige sterben? Mit dieser Frage hat sich Harry Martin beschäftigt und gibt ein paar praktische Handreichungen dazu, wie wir alle auch für dieses fatale Szenario vorsorgen können.

Shownotes

Wöchentliche WordPress-Nachrichten gibts immer Dienstags als Podcast auf wppodcast.de

Transkript

00:00

Harry Martin: Gehst du davon aus, also dieser Aufwand würde ja implizieren, dass das auch jemand anhört nachher?

00:05

Simon Kraft: Ja, das hören zwei, drei Leute, hören diesen Podcast an.

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00:08

Harry Martin: Zwei, drei Leute, gut, dann laden wir sie doch ein und reden. Ja, gut, ich bin bereit.

00:13

Simon Kraft: Es gibt hier keine Intro-Musik und nichts, sondern ich habe, ich weiß nicht, ich mache diesen Podcast das nächste Jahr seit zehn Jahren und es hat sich nie ergeben, dass es hier Musik gibt. Deswegen starte ich mit einem ganz schmissigen Herzlich Willkommen im Presswerk. Wir sprechen heute über den Tod. Und wir haben gerade im Vorgespräch festgestellt, es gibt eigentlich niemand Besseren als einen morbiden Österreicher, um dieses Thema abzufrühstücken. Und deswegen habe ich mir Harry Martin eingeladen. Herzlich Willkommen.

00:42

Harry Martin: Ja, danke für die Einladung und da muss ich gleich natürlich einhaken. Morbid sind höchstens Ostösterreicher und Wiener. Die Alemannern und die Kärntner, die sind nicht morbid, die haben andere Schwächen. Also ich bin gebürtiger Wiener und das hört man natürlich auch.

00:58

Simon Kraft: Damit hätten wir diesen Punkt schon mal abgehakt. Sehr gut. Harry, bevor wir zum eigentlichen Thema kommen, habe ich eine wichtige Frage. Ich habe gelesen, dass du WordPress in Anführungszeichen seit ein paar Jahren machst. Und ich weiß, dass du eigentlich mal Garten- und Landschaftsgestalter warst.

01:18

Harry Martin: Ja.

01:18

Simon Kraft: Was ist zwischen diesen beiden, wie ist das passiert?

01:21

Harry Martin: Okay, ganz kurz. Ich habe das wirklich gelernt. Also ich bin gelernter Garten- und Landschaftsgestalter und zwar auf einer sehr schönen altmonarchistischen Basis des Ingenieurs. Das ist ein Halbakademiker. Das kennt ihr in Deutschland nicht. Das kennt man in Österreich, in Tschechien, Slowakei und Ungarn kennt man das noch. Das sind diese berufsbildenden höheren Schulen. Nachher wurden dann diese Fachhochschulen gefunden und jetzt wird das Ganze in ein System gebaut. Das ist ungefähr das Niveau eines Bachelors. Also das ist so der erste Studienabschnitt. Und da bin ich wirklich ganz voll und ganz, das ist ein sehr, sehr schöner Beruf, wie man weiß. Er hat nur einen Nachteil, es ist kalt und feucht. Und ich habe mir gedacht, ob ich das wirklich ausüben will, weiß ich nicht. Und deswegen habe ich diesen Beruf ausgeübt, indem ich Redakteur wurde von Anfang an. Und ich habe tatsächlich in den 90er Jahren, ich habe 1992 angefangen, eine Gartenzeitung als Redakteur zu betreuen. Und das hat mich extrem gelangweilt, weil der Produktionsprozess war so spannend. Und dann habe ich halt begonnen, diese Zeitung von damals noch Schere und Kleberumbruch, so richtig mit der Schere geschnitten und Spalten aufgeklebt und so. Man dachte, das kann es nicht sein. Es gibt doch sowas wie Computer. Und das waren dann die ersten Apple-Computer und dann wirklich tatsächlich Photoshop 2.0. Xpress, damals schon 3.1, Apple OS 7.0. Naja, und dann habe ich halt eine Zeitung produziert. Und das Problem am Zeitung machen sind ja die Fehler, die man macht. Und dann wieder ein bisschen zum Thema kommt. Man macht ja immer was falsch. Und dann wird das gedruckt ein paar tausend Mal, dann wird es aufgemacht und dann ist was falsch. Und dann hat irgendjemand das Internet erfunden. Und man hat gedacht, das ist genau meins. Du machst dir einen Fehler, du siehst ihn und du kannst ihn nachträglich korrigieren. Und das ist sehr schön. Und das war so der Weg vom Gartengestalter hin in die Publikation. Und mit dem Internet und den Webseiten kam dann halt irgendwann einmal auch Wordpress. Z.h. ein eigenes CMS geschrieben.

03:20

Simon Kraft: Ah, der Klassiker.

03:21

Harry Martin: Jeder schreibt ein CMS. Ich habe übrigens noch immer zwei Webseiten, die online sind damit, obwohl es seit 14 Jahren nicht abgetetet wurde. Ich sage nicht welche, weil sonst sind sie weg.

03:33

Simon Kraft: Okay, damit hätten wir diesen ersten Punkt schon mal abgehakt. Nein, das ist der zweite Punkt. Damit haben wir einen zweiten Punkt abgeharrt. So, warum ich dich eingeladen habe, ist, es sind, glaube ich, die letzten drei Minuten des Vortrags, den du letztes Jahr auf dem WordCamp Deutschland gehalten hast. Und das ist mir im Hinterkopf hängen geblieben. Wir packen den Link zu der Aufzeichnung davon in die Shownotes. Die ersten neun Minuten sind leider ohne Ton.

03:56

Harry Martin: Es geht eh um die letzten drei.

03:57

Simon Kraft: Geht eh um die letzten drei, genau. Erfolgreich scheitern, hieß, glaube ich, der Vortrag, oder? Fehler, den man als Freelancer unbedingt gemacht haben sollte. Sinngemäß?

04:05

Harry Martin: Ja, also die Idee ist einfach, dass es Fehler gibt, die man nicht verhindern kann. Sogenannte fatale Fehler habe ich das genannt. Und ein fataler Fehler könnte sein, er hat eine schwere Krankheit, ein Unfall oder auch schlicht und greifender Tod, der als Freelancer unpraktisch ist, vor allem für die Kunden.

04:20

Simon Kraft: Ich würde noch einen Stritt weitergehen und sagen, nicht nur als Freelancer, aber ja.

04:24

Harry Martin: Als Freelancer ist es besonders hart. Warum? Ich habe gelernt. Also das stimmt schon, das habe ich gesagt im Vortrag. Und leider, leider, leider hat sich in diesem August in meinem persönlichen Umfeld eine Situation ergeben, wo das Ganze extrem schlagend wurde. Also ein Kollege von mir, mit dem ich 20 Jahre zusammengearbeitet habe, hat einen kleinen Fehler gemacht, indem er auf eine Wand geklettert ist, runtergefallen ist und tot war. Das ist sehr schlecht für ihn gewesen, aber noch, wie soll ich sagen, das Ding war was anderes. Das war so ein richtiger Rundum-Freelancer. Du bist hingegangen und hat alles für dich gemacht. Die Webseite, die E-Mails, dann hat er seinen eigenen Server, seinen eigenen Nebenserver, alles selbst gemacht. Und ich habe mit ihm gemeinsam, ich habe für ihn eigentlich nur ein paar Domains eingekauft, weil das einfach im Einkauf, gemeinsam im Einkauf billiger war. Und diesen Menschen konnte ich, mich hat jemand angerufen und gesagt, bist du der, der diese Domain verwaltet? Ja, weil nämlich derjenige ist verstorben. Ich bin natürlich aus allen Wolken gefallen, ich wusste es nicht. Ich habe gesagt, kannst du irgendwas machen? In dem Fall kann ich was machen, weil ich Zugriff auf Admin-Ebene auf diese Domain hatte. Es ist so, es ist jetzt November, es ist drei Monate her, es laufen die Server noch. Aber es sind herrenlose Züge, fahrerlose. Es laufen die Nebenserver noch, die Mails, noch läuft alles. Noch ist keine Kreditkarte irgendwie eingezogen worden oder die Abbuchungen haben noch funktioniert. Man weiß es nicht. Irgendwann wird jetzt eine Kreditkarte nicht mehr belastet werden können und dann wird irgendein Provider sagen, danke, das war's. Und dann geht es los. Dann verschwinden Webseiten, E-Mail-Accounts und so weiter. Wenn man sich das mal vorstellt, das ist eine ziemlich schlimme Sache. Und zwar nicht nur für den, der gestorben ist, sondern für alle, die dranhängen. Ich weiß auch in diesem Fall nicht, wie viele dranhängen. Ich weiß nur von ungefähr, ich sage mal eine Zahl, dass ich da ungefähr 15 Projekte habe ich angeschrieben. Davon haben drei oder vier gesagt, guter Zeitpunkt, das endlich stillzulegen. Das sind so klassische, die haben gesagt, okay, dann können wir das jetzt geordnet zurückgeben, diese Sachen. Zwei, drei sind wegübersiedelt und die anderen haben gesagt, Gott sei Dank, da ist jemand, der sich darum kümmert, mach bitte. Darum geht es dann. Wie macht man denn das überhaupt?

06:31

Simon Kraft: Und das Konzept, das du in diesen letzten paar Minuten des Vortrags vorgestellt hattest, war der Red Folder. Lass uns da doch am besten einfach mit einsteigen und mal schauen, was hat es denn mit dem auf sich? Ist das ein echter Ordner?

06:41

Harry Martin: Ja, für die Menschen, die leider nicht zuschauen können.

06:45

Simon Kraft: Audio-Kommentar, Harry schaut auf den Tisch. Ah ja, da ist ein roter Ordner.

06:49

Harry Martin: Ja, und zwar, das ist wirklich ein ausgedruckter Ordner mit Dateien. Das Schöne ist, im Anfang November, das wir gerade hinter uns hatten, kommen immer im Radio diese wunderbaren Sendungen, dass man sich auf den Tod vorbereiten soll, weil ja November ist und so weiter. Und dann kam auch in österreichischen Radio.

07:04

Simon Kraft: Das ist was österreichisches, oder?

07:06

Harry Martin: Allerheiligen, aller Seelen, da wird überall gedacht über das Sterben, bei uns besonders gerne. Und da ist auch schon das digitale Ableben und auch der sogenannte digitale Nachlass ein Thema. Und da gehen die Empfehlungen, sind sehr einfach, aber nicht ganz falsch. Für jeden Einzelnen schreib doch deine Kontakte einfach auf. Und warum auf Papier? Naja, letztes Jahr im August ist mein Vater verstorben. Alles in Ordnung, war halt an der Zeit. Und es gab keine Adressliste, jemanden zu verständigen, weil die waren in seinem Computer. In den Computer konnte niemand mehr hinein. So simpel ist es. Und deswegen muss man es ausdrucken. Das heißt, wenn du willst, dass jemand an deine Daten kommt, gib ihnen die Möglichkeiten. Das heißt, in dem Folder, der in dem Fall wirklich eine Mappe ist. Ist eine Liste mit ausgedruckten Adressen, ausgedruckte Adressen, damit jemand, der hin kann, auch wirklich dort zugreifen kann. Und da steht drin, wie kommt mir meine Geräte hinein? Der zweite Punkt ist, natürlich in unserem Fall, es ist immer ein Passwortmanager-Programm, du wirst es nicht hunderte Minuten ausdrücken. Das heißt aber, dass die Vertrauensperson, um die geht es ja, die dann nachher Zugriff auf diese Daten hat, die vielleicht weiß, wo dieser Boulder im See fliegt oder wo halt zu finden ist, dann sind Adressen dabei von jemandem, der versteht, worum es geht. Weil es ist nämlich unglaublich wertvoll, eine Adressliste zum Beispiel den Zugang zum wahren Passwort zu hinterlegen. naja, und dann, wenn ich das meiner Frau gebe, sagt sie danke und was mache ich jetzt? Das heißt, da drinnen steht auch, ruf bitte den und den an oder kontaktiere den, der weiß, was das bedeutet. Das heißt, das Erste ist der Zugang zu den Dingen und der Zweite ist auch, das Werkzeug oder den Manipulator zu finden, der denn damit umgehen kann. Das ist so die Idee. Das heißt, einen leichten barrierefreien Zugang, sage ich jetzt einmal, für jemanden, der sich nicht mit der Materie auskennt, der drinnen findet, was gibt es überhaupt? Welche Endgeräte gibt es? Wie kann ich zugänglich sein? Da ist ein kleines MacBook, da ist ein Telefon, da ist ein iPad und so weiter. Dann hätten wir ein paar E-Mail-Adressen, naja, die Hauptadresse, die Nebenadresse und vielleicht noch die acht anderen Adressen, die man hat. Und dann sind die sozialen Netzwerke, da haben wir doch ein paar davon. Und nur weil wir sie nicht benutzen, heißt es nicht, dass sie nicht existieren. Vor vielen Jahren schon ist ein Kollege von mir auch verstorben und ich habe, glaube ich, noch zwei Jahre nachher Facebook-Nachrichten von ihm bekommen. Also irgendwas stimmt da nicht, weil dann hat irgendjemand den Account verwendet oder es sind halt gekommen und du hast schon lange nicht mehr mit dem ihren Kontakt aufgenommen. Jetzt war ich gerade auf LinkedIn, du bist seit zwölf Jahren bei LinkedIn und hast mit dem schon lange nicht mehr gesprochen oder seit zehn Jahren befreundet und lautest solche Sachen. Also das wäre doch ganz eine interessante Sache, dass man hingeht und sagt, okay, deaktivier, lösche diese Dinge. Das ist so die erste Idee des Red Folders, dass man einfach Möglichkeiten gibt Und da geht es jetzt darum, da rede ich vom Freelancer. Warum rede ich vom Freelancer? Weil in Firmen, ich habe mir dieses Wort extra in der Vorbereitung aufgeschrieben, es gibt eine ISO-Norm 27001.

10:08

Simon Kraft: Oh ja, aus der Hosting-Industrie kommt, kann ich sagen, kennen wir.

10:12

Harry Martin: Und da gibt es jetzt was, das ist fantastisch. Da gibt es ein Wort, das heißt Informationssicherheitsmanagementsystem. Und jetzt wissen wir, warum die deutsche Sprache so wunderbar ist. In keiner anderen Sprache könnte man ein Wort erfinden, das Informationssicherheitsmanagementsystem heißt. Also darum geht es. Das heißt, wenn ich in einer Firma bin und eine ISO-Zertifizierung habe, dann muss irgendjemand dafür zuständig sein, dass diese Dinge, nämlich wo ist was und wer hat Zugang, geregelt sind. Das steht irgendwo, irgendwo ist es. Aber ganz ehrlich, bei uns als Freelancern ist das nicht so. Und dann habe ich jetzt, ich habe einmal so um die 100 Kunden, sage ich jetzt einmal Daumen mal Pi, für die das Relevante ist. Ich habe in einem Passwort-Manager-Programm in etwa 800 bis 1.000 aktuelle Passwörter. Und da gibt es aber keine ISO 27001. Und das kann, wie gesagt, für Kunden. Und das gehört für mich auch dazu, wenn ich sage, ich biete ein Angebot, ich bin ein Allround-Dienstleister, dann heißt das aber auch, was passiert denn, wenn ich nicht bin? Auch wenn das, ganz ehrlich gesagt, niemand bezahlt. Das ist eine Frage des Services und der Ehrlichkeit des Kunden gegenüber. Das bin ich eher mir schuldig als meinen Kunden.

11:23

Simon Kraft: Naja, ich würde ja sagen, es ist sogar fast was auch, gehen wir vielleicht gar nicht unbedingt vom Schlimmsten aus. Es geht ja nicht nur um den Tod. Du kannst ja auch einfach von der Leiter gefallen sein und bist für drei Wochen außer Gefecht. Und das ist ja auch nicht nur was, was du für deine Kunden machst, sondern im Prinzip auch für deine Angehörigen oder für die Person, die ansonsten den wütenden Anruf vielleicht bekommt von Kunden XY, bei der irgendwas nicht funktioniert. Keine Ahnung.

11:47

Harry Martin: Ja, also in dem von mir zuerst erwähnten Fall von meinem Kollegen ist die einzige Angehörige die betragte Mutter, die aber bei einer IT-Ler auch zwei Webseiten hat, die übrigens nicht von mir, weil nämlich keine .at, sondern in dem Fall .org-Domains anders verwaltet waren. Und ich hatte auch keinen Kontakt, über Wochen später eigentlich eine Kontaktadresse gefunden und sie hat auch gemeldet und wir sind auch in Kontakt. Und dann sagt sie, ja danke, dass Sie sich melden, weil nämlich, und das ist jetzt die nächst spannende Sache, es geht im Wald immer um Domains. Was passiert denn mit den Domains? Und ich habe mir dann erlaubt, weil halt österreichischer Markter die NICAT zu schreiben, ich sage, schreib mir doch bitte, was macht ihr denn in Todesfällen? Wie ist denn das? Und mich interessiert es der technische und aber auch der kaufmännische Ball. Und das Erste, was man sagen muss, und da darf ich auch einmal eine Lanze für die Nikaté in dem Fall brechen, die sind extrem gut, was das betrifft und versuchen wirklich so kundenfreundlich wie möglich zu sein. Sie haben natürlich ihre Millionen Domains und da gibt es immer automatische Inkassosysteme und so weiter. Aber sie hat mir mehrfach geschrieben, die eine Dame, mit der ich da kommuniziert habe, ja, wenn wir das wissen, dass das so ist, dann wird natürlich der Inkassoauftrag gestoppt und solche Sachen. Das ist ja mal eine spannende Sache. Also da versucht nicht jemand damit noch Geld zu verdienen, sondern da versucht man eher, das zu lösen. Und in Wahrheit ist es so... Das, was im restlichen Leben gilt, gilt hier auch. Das heißt, wenn du jetzt, gehen wir jetzt wieder vom schlimmsten Fall aus, einen Todesfall hast, dann gibt es eine Sterbeurkunde und einen sogenannten Einantwortungsbeschluss. Das heißt, dass der Erbe, bei uns heißt das so, das wird in Deutschland anders heißen, es wird sicher auch ein Papier geben, wo steht, ich bin berechtigt, das Erbe anzutreten. Dieses Papier muss es geben. Und wenn man das hat und hingeht, dann kann man zwei Sachen machen, Nämlich einen Domainübertrag machen, einen Eigentumsübertrag oder auch eine Kündigung. Das kann man auch machen. Nur jetzt sind wir in, also da sind unsere Länder sehr gleich, jetzt sind wir in einer Bürokratie oder in bürokratischen Systemen, wo diese Beschlüsse vielleicht nicht darauf warten, ob die Zahlungsfrist abgelaufen ist. Was passiert denn jetzt, wenn du diesen Beschluss in drei oder vier oder fünf Monaten bekommst, aber zwischendurch die Domäne fällig ist? Das ist dann eine recht spannende Sache. Und dann gibt es eben den Punkt, dass du eben einsteigst drauf. Das heißt, wenn du es weißt, schreibst du es hin. Dann hast du zwischendurch die Ebene der Registrage und je nachdem, wie die sind, musst du sagen, hey, das ist meine Domain, aber du bist nicht der eingetragene Kunde. Sag ich, aber der ist verstorben. Dann musst du mal nachweisen, dass du der eingetragene Kunde bist. Und da gibt es auch Fälle, wo du dann hingehen musst und du schickst dir eine Ausweiskopie, damit sie sehen. Dann kannst du dann einen Übertrag vom Verstorbenen auf dich selber machen, um an den Outcome zu kommen, um die Domain rauszubekommen für jede Domain einzeln. Das ist eine spannende Sache, nicht? Dann gibt es auch noch eine Kleinigkeit. Es steht nämlich in den AGBs von der NIC.at zum Beispiel drinnen, dass wenn die Domain nicht erreichbar ist, dann widerspricht das den Nutzungsbedingungen und dann hat die NIC.at das Recht, die Domain abzudrehen. Das heißt, stell dir vor, du hast den Service laufend, du kriegst diese Urkunde nicht, die NIC.at dreht das einfach ab, weil du hast den Zettel nicht und ist alles weg. Das ist auch ganz spannend. Das heißt, eine Nichtnutzung kann auch zum Verlust führen, obwohl alles bezahlt ist. Auch das ist eine Möglichkeit. Wenn der DNS verschwunden ist, zack, weg. Das sind so Kleinigkeiten, wo man vielleicht einmal drüber nachdenken sollte, dass jemand Zugriff auf die Domain hat. Darum geht es ja wieder.

15:30

Simon Kraft: Okay, du hast schon erwähnt, Domains, E-Mail, Accounts, Plural und Social Media. Hast du außer deinem Passwortmanager noch irgendwas anderes in diesem Ordner an Zugang? Harry blättert den Ordner auf.

15:42

Harry Martin: Ich blätter in dem Ordner. Was habe ich drin? Ich habe die Kontakte, ich habe die Erkanns. Ich habe da drinnen stehen meine Banken und Versicherungskontakte. Was habe ich denn davon, dass ich zum Beispiel alle Versicherungen, die ich habe, das sind oft gar nicht so wenig. Du hast eine Haushaltsversicherung, die Lebensversicherung und so weiter. Und die zu finden, ist nicht so einfach. Wer hat denn nicht einen Ordner, wo die Versicherungspolizen drin sind? Ja, die neue wird reingeheftet. Wer nimmt denn die alte raus? Wer nimmt die alte raus? Das heißt, und da sind wir auch bei einem Grundding, was diesen ganzen Ordner betrifft, man muss den natürlich pflegen. Und das ist eine Routine, die macht man dann einmal im Jahr am ersten Tag im verkaterten Jänner oder sonst noch immer. Dann sucht man sich sowas an einem Tag, wo man das macht, damit einfach die Konten drin sind. weil auch meine Frau weiß nicht, welche genauen Verträge, was aktuell ist und was nicht. Und das abzutreten, das halte ich für eine einfache Sache. Und was natürlich noch besonders bei mir auch noch ein Thema ist, ich habe meine Endgeräte noch in einer Liste draufgeschrieben, auch mit den Arten, mit den Zugangscodes. Welche Pins sind da? Und damit kommt man eigentlich schon sehr weit. Also mit der Idee, was gibt es, was muss ich verwalten und wie komme ich hin? Und was jetzt nur noch fehlt, ist der praktische Weg. Wie kommt man denn praktisch dazu? In meinem Fall ist das die Kundenliste. Wer hat denn überhaupt möglicherweise Interesse daran? Worum geht es denn überhaupt? Und was hat denn der gekauft bei dir? Denn diese Information, Domains, E-Mail-Accounts, das ist super spannend. Aber die Kunden wissen teilweise nicht, welche Projekte zusammengehören oder wissen nicht, dass wir den Zusammenhang nicht kennen. Wenn jemand zwei oder drei Projekte hat, sind das für mich im ersten Blick, wenn die Domains nicht ausgehen. Gleichlautend verschiedene Projekte. Die können aber zusammenhängen, zumindest kaufmännisch. Das heißt, eine Kundenliste und dann vielleicht noch eine Hosting Liste dazu. Bei mir sind es Hosts. Ich bin jetzt über Host und nicht über Domains organisiert. Ein Host ist für mich eine logische Sache. Das kann jetzt nur ein Mail-Host sein. Das kann ein Mail- und Web-Host sein. Das kann ein Host sein mit mehreren Webseiten und so weiter. Also das kommt natürlich ganz individuell darauf an, was man denn macht und wo denn das Tätigkeitsfeld liegt.

18:01

Simon Kraft: Warum ist das Ganze in deinem Fall ein physisch ausgedruckter Ordner mit Zetteln drin?

18:08

Harry Martin: Ja, wie willst du denn sonst hineinkommen ins Gerät? Hast du das Apple Update 18.1 für das iPhone gelesen gerade? Gestern, vorgestern war die Schlagzeile. Amerikanische Polizei ist stinkig auf Apple.

18:20

Simon Kraft: Weil die Geräte rebooten heimlich.

18:23

Harry Martin: Genau, die Geräte rebooten nach vier Tagen Inaktivität. Um wieder in den Modus zu kommen, dass sie nicht zugänglich sind. Das heißt, als Wiener darf ich das sagen, grausliche Geschichte, ich fall tot um, lieg da. Naja, das ist kein Problem, noch funktioniert mein Fingerabdruck und mein Gesicht, auch wenn ich tot bin. Aber spätestens, wenn ich abtransportiert bin, nicht mehr. Und wenn dann das Gerät rebootet, ist es vorbei. Das mag jetzt hier makaber wirken, aber darum geht es.

18:49

Simon Kraft: Gut, das ist, wenn das Dokument auf deinem Gerät liegt, dann ist das blöd.

18:53

Harry Martin: Ja, natürlich. Es gibt ja diese sogenannte Notfallkontakte. Zum Beispiel, wenn du einen iCloud-Account hast, einen Apple-ID hast, dann kannst du einen Notfallkontakt eingeben. Oder in OnePassword, als Passwort-Manager kannst du einen Notfallkontakt eingeben. Und das sollte man auch machen. Nur, da sollte man sich die Bedingungen auch anschauen. Weil ich glaube, ist es bei OnePassword, ist es glaube ich vier Wochen lang. Da gibt es Fristen und dann geht es nicht mehr und so weiter. Das ist alles nicht unbeschränkt. Nur bis jemand da kommt, nach zwei Wochen, endlich die Tränen getrocknet hat oder ob das jetzt Freude ist oder Trauertränen, sei dahingestellt und dann sagt, jetzt muss ich das Chaos von dem ehemaligen Menschen aufarbeiten und die Frage, ob sich das ausgeht, ist durchaus gestellt. Und auch die Frage, wenn jemand als Notfallkontakt eingesetzt ist, der damit vielleicht nicht viel anfangen kann. Es ist das physische Papier, halte ich in dem Fall für sinnvoll. Es gibt von mir, von diesem Red Folder gibt es auf meinem Rechner ein digitales Pendant natürlich, das übrigens auch rot eingefärbt ist, damit man es leicht findet. Das mag jetzt trivial klingen, aber ich glaube, solche Sachen können sehr hilfreich sein.

20:02

Simon Kraft: Wie bist du auf diese Sachen gekommen? Das Set an Daten, die in dem Folder drin stehen?

20:07

Harry Martin: Ja, das ist eine klassische Optimierungsaufgabe, wie wir sie dauernd erfüllen müssen. So viel wie notwendig, so wenig wie möglich. Das muss es sein. Man setzt sich einfach hin und sagt, das sollte man sowieso machen, auch wieder einmal im Jahr ein bisschen reflektieren. Was tue ich denn? Wo bin ich? Wo will ich hin in meinem Leben? Und wie mache ich das eigentlich? Und einfach hinsetzen und sagen, was mache ich jeden Tag? Aha, ich logge mich bei meinem Computer ein, sollte also drin sein. Oder ich arbeite an einer Rechnung für einen Kunden. Also sollte vielleicht die Kundendatei zugänglich sein, aber ich habe vielleicht dieses oder jedes Service zu betreuen. Also sollte das zugänglich sein. Und wenn man sich das einmal abstrahiert hat, dann kann man sich auch Menschen, wie ich bin eher ein grafischer Mensch, ich male mir dann immer so einen schönen Poster mit ein paar dubiosen Linien drauf und dann ergibt sich eigentlich sehr schnell, was man braucht und was man nicht braucht. Und natürlich dann die persönliche Wertung kommt dazu. Das heißt, du musst dann rausstreichen, was du nicht. Also wenn du Kunden nicht magst, dann nimmst du es einfach aus der Liste raus. Dann müssen sie halt schauen. Nein, das war nur ein Witz. Entschuldigung. Das war nicht ernst gemeint. Ich mag alle meine Kunden um Gottes Willen.

21:11

Simon Kraft: Ich habe vorhin schon mal versucht, diese Richtung zu gehen. Ich sehe tatsächlich auch Anwendungsfelder für durchaus für Menschen, die nicht unbedingt Freelancer sind. Oder nicht nur als Freelancer unterwegs. Ich meine, ich zum Beispiel habe, stimmt das? Ist das gelogen? Ich habe quasi keine eigenen Kunden mehr. Nichtsdestotrotz fallen mir aus dem Stegreif ein paar Sachen ein. Zugänge, Domains, in meinem Fall vor allem für Community-Projekte und Sachen wie das hier, genau. Die sehr sinnvoll auch in so einem Ordner abgeworfen werden könnten und sollten. Was ja auch einer der Gründe ist, warum ich mit dir sprechen wollte, weil mich dieses Thema natürlich auch aus der Richtung beschäftigt hat.

21:48

Harry Martin: Wenn du eine persönliche Relevanz in deinem Leben vermutest, wirst du vermutlich relevante Daten haben, die du hinterlegen willst.

21:55

Simon Kraft: Oh, unter Garantie.

21:57

Harry Martin: Wenn du das nicht vermutest, dann nicht. Die Idee kommt ja auch nicht in dem Zusammenhang aus dem Freelance und deswegen hat das natürlich einen Namen und ein Gesicht, weil man weiß, worüber man redet. Aber in der Tat ist es so, dass jeder Mensch seine Dokumente besammenhalten sollte und diese Dokumente sind nun halt einmal auch online. Mehr ist es ja nicht. Das Schöne ist, dass diese Beschäftigung mit diesen Dingen macht einerseits natürlich ein bisschen Angst, auf der anderen Seite genau das Gegenteil. Sie nimmt einem auch ein wenig die Angst davor und zwar jetzt nicht vom persönlichen Sterben, sondern es ist eher die Angst vor dem Chaos. Und wir als im digitalen Leben Befindliche, sage ich jetzt einmal, neigen ja eher, dass das Abschalten des Geräts macht uns keine Angst. Uns machen Geräte Angst, die nicht abgeschaltet sind und wir ihre Dinge tun. Und das ist so, also Webseiten, die Amok laufen und so, davor haben wir eher, sagen wir mal, einen gesunden Respekt. Und wenn man sich aber damit beschäftigt, kann man vielleicht den einen oder anderen Prozess nicht mit Kill-All, sondern vielleicht anders runterfahren.

22:58

Simon Kraft: Gibt es außer dem Ordner denn andere Vorkehrungen für den schlimmsten anzunehmenden Fall? Also was das Digitale angeht, natürlich, ich rede jetzt nicht von Lebensversicherungen oder Ähnlichem, die du so angestrengt hast.

23:10

Harry Martin: Ja, habe ich schon. Und das ist jetzt eine sehr brutale, harte Wahrheit, aber man sollte einfach mit seinen nächsten Menschen darüber reden. Mehr ist es nämlich nicht. Man sollte einfach darüber reden, sagen, was kann passieren, was ist denn da? In meinem Fall ist das jetzt persönlich sehr, sehr einfach, weil meine Frau ist Krankenschwester auf der Intensivstation. Und die ist sozusagen mit der Sterblichkeit des Menschen durchaus konfrontiert im Leben. Und für die ist das ein natürliches, normales Thema. Also ich tue mir da leicht, das ist übrigens auch ein Grund, warum ich mich damit beschäftige, weil ich mir immer denke, wie muss ein Leben sein, wo man ständig mit der Endlichkeit konfrontiert ist im Beruf.

23:47

Simon Kraft: Ah, ich dachte, das wäre bei Österreich. Ja, gut, okay.

23:49

Harry Martin: Auch, auch, auch. Ja, ja, ja. Das hat alles mehr. Wir sind mehrschichtig. Das ist so. Also mit jemandem reden, dem du das Vertrauen gegenüber hast auch. Ja, das hilft dann schon. Weil vielleicht kommt da die eine Frage und klärt sich das oder sagt, ja, das ist zwar sehr schön, aber ich will das nicht für dich tun. Vielleicht sollte man die Vertrauensperson auch im Kenntnis drüber setzen, dass man Vertrauen zu ihr hat. Das würde ich schon empfehlen, weil sonst funktioniert das System nicht.

24:15

Simon Kraft: Hast du noch irgendetwas zu diesem Thema, über das wir sprechen sollten?

24:20

Harry Martin: Nein, ich glaube nicht. Ich kann über jedes Thema immer Stunden lang reden, aber das ist nicht das Thema. Also nein.

24:28

Simon Kraft: Dann würde ich sagen, gehen wir den Weg alles Irdischen und kommen zum Ende. Harry, vielen Dank, dass du zu diesem zugegebenermaßen recht exotischen Thema hier zu Gast warst. Eigentlich reden wir über lebendigere Themen und mehr über WordPress. Aber ich fand das tatsächlich einen ganz spannenden Einwurf und ein Thema, über das ich den Verdacht habe, sich nicht super viele Menschen aus unserem Arbeits-Community-Umfeld super viele Gedanken machen. Von daher kann das vielleicht ein ganz spannender Anstoß sein.

24:59

Harry Martin: Genau, vielen Dank für die Einladung.

25:00

Simon Kraft: Bevor wir hier den Deckel drauf machen, wo finden dich denn die Leute im Internet?

25:04

Harry Martin: Ja, im Internet unter werkform.at finden ich die Menschen ganz einfach. Und ich mache Webseiten und ich mache Schulungen, die man Webseiten macht und das mit WordPress. Also ich bin aus der Branche.

25:18

Simon Kraft: Ein Träumchen. Dann hoffe ich, dass wir uns im Frühjahr in Wien sehen und bedanke mich bei dir und bei allen, die bis zum Ende zugehört haben, bis zum bitteren Ende. Bis zum nächsten Mal. Tschüss.

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